Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - 15. Januar 2009 - Nr. 32

Begegnungen mit Tarot

Unser Schutz auf dem Weg durch die Dunkelheit

Auf der Großen Reise durch den Tarot begegnet uns die Karte "Die Mäßigkeit" im Bereich der „Nachtreise des Helden“. Sie symbolisiert den Führer durch die Finsternis, der dem Wanderer Beistand leistest, damit dieser nicht in verborgene Abgründe stürzt, keinen Dämonen in die Fänge gerät oder sich so sehr verirrt, dass er den Ausgang aus dem Schattenreich nicht mehr finden kann und ewig dort gefangen sein muss. Denn die Aufgabe des Reisenden besteht ja darin, das Schattenreich unbeschadet - nicht aber unverändert - zu passieren und dabei seinen ganz persönlichen Schatz zu bergen. Dazu bedarf es bisweilen starker Unterstützung.


"Die Mäßigkeit " aus den Tarotkarten von
Arthur E. Waite & Pamela Colman Smith (1)

Auch wir befinden uns gerade auf einer alljährlichen Schattenreise. Denn gegenwärtig durchleben wir ja den dunkelsten Teil des ganzen Jahres, auch wenn der blendend helle Schnee es zuweilen vergessen lässt. Zwar, die längsten Nächte liegen schon hinter uns, und auch die Zeit der Raunächte ist vorbei, doch ist das Ende des Winters noch nicht in Sicht. Bevor das Licht wieder siegt, lassen Sie uns ein wenig Zeit mit der Dunkelheit verbringen.

Was fühlen wir, wenn wir uns auf die Dunkelheit einstimmen? Trauer, Verzagtheit - Beklemmung? Die Angst im Dunkeln ist eine urtümliche Lebensregung. Das Licht fehlt, wir können unsere wichtigsten Sinne, die Augen, nicht mehr voll nutzen, um unsere Umwelt wahrzunehmen. Und wir spüren, dass unser Selbstschutz Lücken bekommt. Wenn die Nacht hereinbricht, verbergen sich die meisten Lebewesen daher, um nicht ihren Feinden in die Fänge zu geraten. Uns Menschen ist es gegeben, die Dunkelheit ein Stück weit zu verdrängen. Helle Straßenbeleuchtungen machen unsere Städte sicherer, rauschende Feste mit hunderten von Lichtern geben gerade der dunklen Jahreszeit Glanz und lassen die Finsternis vergessen. Doch das alles kostet Energie und hat seinen Preis, den - wie wir gut wissen - nicht jeder bezahlen kann und will. Man betrachte nur die stark reduzierte Straßenbeleuchtung in manchen Städten!

Vielleicht ist gerade diese Entwicklung, so lästig sie auch sein mag, ein Hinweis darauf, dass wir eine Zeitlang aufhören sollten, so viel Kraft darauf zu verwenden, die Finsternis aus unserem Leben zu verbannen, um uns stattdessen auf das Dunkel einzulassen, das wie das Licht, wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter schon immer ein Teil unseres Lebenslaufs war. Unsere Vorfahren haben das genauer wahrgenommen als wir heute. Sie wussten, dass Dunkelheit Gefahren mit sich bringt, vor denen man aber an sicheren Orten und besonders in der Gemeinschaft mit anderen Menschen durchaus gut geschützt ist. Ein anderer Aspekt der Dunkelheit, den wir in unseren modernen Zeiten beinahe vergessen haben, ist die Rast von unserem Tagwerk, welches wir beiseite legen müssen, wenn das Licht dafür nicht mehr genügt. So bringt uns das Dunkel die Ruhe für Körper und Seele, und der Geist kann die Anspannung der täglichen Aufgaben loslassen. Er wird jetzt frei in die Ferne schweifen, wird Vergangenes und Zukünftiges berühren in Gedanken und Träumen. Er kann frei von dem Zwang, rationale Lösungen zu finden, mit den Möglichkeiten spielen und beschenkt uns mit den Gaben der Intuition. Sicher, dabei werden nicht nur freundliche und friedvolle Bilder aufsteigen, denn auch in unserer Seele gibt es helle und dunkle Zeiten. Nicht immer sind wir freudig und zuversichtlich. Manche Dinge, die uns geschehen oder die wir miterleben, können uns sehr real in tiefe Dunkelheit stürzen. Und dieser Dunkelheit können wir uns dann ebenso wenig entziehen, wie der Nacht, die auf den Tag folgt.

Wichtig, dann zu wissen, dass wir Menschen mit der Kraft ausgestattet wurden, der Dunkelheit zu begegnen und sie zu ertragen. Wichtig auch zu wissen, dass wir Hilfe finden können, die uns auf dem Weg durch das Dunkel nicht allein lässt. Wahre Freunde und liebevolle Verwandte stehen uns zur Seite und lassen uns auch in der größten Finsternis nicht fallen, selbst wenn die meisten unserer Mitmenschen dazu neigen, sich abzuwenden. Aber auch das Lächeln oder eine herzliche Geste eines ganz und gar fremden Menschen kann uns stärken und den Mut zurückgeben, unsere Schattenreise durchzustehen.

Schon sehr lange hat die Menschheit in unserem Kulturkreis ein Bild für diese Kraft, die uns in den kleinen, alltäglichen Gefahren so wie im größten Dunkel des Lebens nicht allein lässt: Das ist unser Schutzengel, der groß und kraftvoll diese Karte ziert, und dessen Mission es ist, bei uns zu stehen, auch wenn wir ihm zeitweise den Rücken zukehren, auch wenn wir selbst jede Hilfe negieren. Dies weist auf die größte Gabe hin, die dem Menschen in die Wiege gelegt wurde, dass er nämlich die Fähigkeit  besitzt, immer wieder Hoffnung zu schöpfen und seinem Schutzengel vertrauensvoll die Hand zu reichen.

Ich wünsche allen Lesern treue und starke Schutzengel für das neue Jahr!

© Annegret Zimmer

(1) Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Verlags. © Königsfurt Verlag, Krummwisch.

Annegret Zimmer lebt und arbeitet in Halle/Saale und ist Gründungsmitglied des Tarot e.V. Erster Deutscher Tarotverband.