Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - März/April 2007 - Nr. 22

Wort-Meldung

Zahlenspiel

Wörter, die sich in den Sprachgebrauch einschleichen, um den Blick auf die Wirklichkeit zu trüben und den Hörer oder Leser zu täuschen, gehören häufig zur Gruppe der Euphemismen. Diese ersetzen die Bezeichnungen für etwas Unangenehmes, etwas Tabuisiertes und nicht selten etwas Fürchterliches; sie lassen es schöner, unverfänglicher, harmloser klingen.

Sicher nicht weniger gefährlich ist der umgekehrte Fall: Wenn nämlich ein Dysphemismus etwas Gutes, Nützliches oder zumindest Unbedenkliches so schlecht erscheinen lässt, dass niemand mehr darüber reden oder damit zu tun haben möchte.

Ein Beispiel?

In einem am Anfang dieses Jahres gesendeten Rundfunkinterview begründete ein Politiker aus der zweiten Reihe seiner Partei wortreich und kategorisch, warum das nun von ihm angestrebte Reformvorhaben den einzig richtigen Weg der Problemlösung darstelle.

"Aber", gab der Interviewer zu bedenken, "müssen Sie nicht damit rechnen, dass da schon im nächsten Jahr eine Finanzierungslücke von einer Milliarde besteht?"

"Ich will mich hier nicht auf solche Zahlenspiele einlassen!" beschied ihm der Interviewte.

Was ist denn das, ein Zahlenspiel? Kann man mit Zahlen spielen?

Gewiss, werden Zeitungsleser und Rätselfreunde antworten: Da gibt es doch zum Beispiel Sudoku. In der Tat hat das Auffüllen von meist 81 Rechenkästchen mit den Ziffern von 1 bis 9 den Charakter eines Spiels: Es wird als herausfordernd und unterhaltsam empfunden, erfordert ernsthafte Bemühung und ist dabei völlig zweckfrei. Man könnte polemisch noch hinzufügen, dass es den Menschen des dritten Jahrtausends die Möglichkeit bietet, mit Kugelschreiber und Papier Rätsel zu lösen, ohne dafür irgendeine Form von Allgemeinbildung (und sei es auch nur "Kreuzworträtselwissen") zu benötigen. Aber das ist ein anderes Thema. Sudoku ist ein Zahlenrätsel und damit auch eine Art Zahlenspiel, aber die war hier nicht gemeint.

Das Spiel sollte hier, wenn nicht alles täuscht, als kindliches Spiel gesehen werden, und zwar aus der Perspektive eines "vernünftigen" Menschen, der solchen Schnickschnack nur bei den Kleinen tolerieren mag. Spielen ist unproduktiv, raubt Zeit und Energie und ist für ernsthafte, arbeitende, erwachsene Menschen nicht mehr angemessen.

Aber wenngleich jedem frei steht, eine solche Auffassung zu haben, sollte dennoch das Wort mit Vorsicht verwendet werden.

Was der Interviewer erfragt hatte, war eine sachliche Auskunft zum Ergebnis einer ernsthaften Berechnung der Folgekosten. Er wollte nur, wie es Reiner Kunze in anderem Zusammenhang einmal so treffend formuliert hat, "hochragende Gedanken erden".

Mit dem Wort "Zahlenspiel" wird diese Absicht vereitelt. Nicht nur profiliert sich der Benutzer des Wortes scheinbar als ernsthaft und erwachsen, nicht nur diskriminiert er die Bemühung um sachliche Argumente, nicht nur unterstellt er dem Gesprächspartner, den Pfad seriöser Gesprächsführung zu verlassen - nein, er verweigert auch - leider erfolgreich - dem Hörer einen möglicherweise entscheidenden Teil der Information.

In dem oben erwähnten Interview machte der Moderator zwar noch einen zweiten Versuch, Genaueres zu erfahren, aber er scheiterte erneut an derselben Mauer: "Nein, von solchen Zahlenspielen halte ich nichts!"

Es gibt Wörter, um die man sicherheitshalber einen Bogen machen sollte. Wenn jemand erklärt, dass Zahlenspiele - oder gar Zahlenspielereien - nicht sein Ding sind, gilt es, wachsam zu sein.

Es sei denn, der Betreffende mag nur einfach kein Sudoku.

© Henrik Meetu