Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - 1. Januar 2008 - Nr. 27

Wort-Meldung

Jetzt aber!

Wenn das alte Jahr zu Ende geht und ein neues vor der Tür steht, dann ist wieder die Zeit der Ansprachen, Grußworte und Rundschreiben gekommen, in denen sich die Lenker und Lenkerinnen von Betrieben und Behörden, von Verbänden und Vereinen, von Parteien und Parlamenten, bis hinauf zu denen, die den ganzen Staat führen, an die von ihnen Gelenkten wenden. Da ist Zeit für Rückblick und Ausblick und Dank. Und, weil es schade wäre, die Gelegenheit ungenutzt vorbei gehen zu lassen, wenn gerade alle in feierlicher Stimmung zum Zuhören bereit sind, ist es auch die Zeit für motivierende Aufrufe.

„Lassen Sie uns jetzt“, so wird es in diesen Tagen hundertfach geschrieben und tausendfach gesagt, „gemeinsam durchstarten.“

Das ist natürlich eine feine Formulierung. Allein das „uns“ und das „gemeinsam“ schafft nicht nur ein Gefühl der Gemeinschaft, sondern betont den vorbildlichen eigenen Beitrag zur kollektiven Leistung. Und das „jetzt“ macht den gemeinsamen Arbeitseinsatz ganz aktuell und konkret.

Und dann ist da noch das herrliche Wort „durchstarten“.

Es ist nämlich gar nicht so leicht, Menschen in einer Institution, die sich schon geraume Zeit mit den selben Aufgaben beschäftigt, in Bewegung zu versetzen. Das wäre ja bereits eine gefährlich falsche Formulierung, denn die Angesprochenen bewegen sich ja schon. Oder sind mindestens der Ansicht, dass sie es tun. „Wir wollen jetzt anfangen!“ könnte von denen, die sich als beständig Schaffende ansehen, als Missachtung verstanden werden.

Auch „Lasst uns jetzt alle neu anfangen!“ wäre eine problematische Aufforderung. Zwar würde so allen Beteiligten attestiert, dass sie schon zuvor aktiv waren, aber offenbar nicht in der richtigen Weise, sonst müsste man ja nicht „neu anfangen“. Wenn diejenigen, die nun das Grußwort verfassen, neu in Amt und Würden sind, mag das akzeptabel sein, aber wer Art und Zielrichtung der Aktivität in der Vergangenheit gesteuert hat, wird vor einem so formulierten Aufruf zurückschrecken.

Wenn also die Aktivität schon vorhanden war und ist und wenn sie eigentlich auch in die richtige Richtung geht, wäre also ein „Lassen Sie uns gemeinsam weitermachen!“ angemessen. Das klingt aber nicht nur schrecklich undynamisch und unkreativ, es verspielt auch die oben erwähnte Chance, die Angesprochenen zu mehr Leistung anzuspornen.

Aber das Durchstarten, das hat alles, was sich der Grußwortrhetoriker nur wünschen kann. Da ist schon vorher die Bewegung, wir fliegen ja schon, und die Bewegung ist kraftvoll und schnell, und überhaupt ist sie technisch und kompetent, immer noch modern und dabei gar nicht anstrengend. Und wenn wir durchstarten sind wir alle ein wenig Piloten und damit Lenker. Und obwohl wir schon fliegen, können wir doch gleichzeitig noch einmal starten, nicht neu, sondern – na eben durch. Und wenn wir durchstarten, geben wir kräftig Gas und werden immer schneller und schneller.

Wenn es das tolle Wort „durchstarten“ nicht gäbe, man müsste es glatt erfinden.

Aber zum Glück ist es ja schon da, ein Terminus technicus aus der Welt der Fliegerei, dem in der Luftfahrtsprache Englisch die Fachwörter go-around oder missed approach entsprechen.

Missed approach?

Ja, leider.

In der seriösen Fliegerei würde nämlich niemand durchstarten – außer zu Übungszwecken oder in Gefahren- oder Notsituationen.

Wer durchstartet, hatte eigentlich die Absicht zu landen. Sein Ziel lag schon zum Greifen nahe vor ihm, es war nur noch ein letzter Schritt zu tun, ehe die Arbeit getan, die Aufgabe erfüllt, der angestrebte Endpunkt erreicht war. Dann aber ging irgendetwas schief: plötzlich zu schlechte Sicht, ein falscher Anflugwinkel, zu hohe Geschwindigkeit des Flugzeugs, eine blockierte Landebahn. Keine Landung möglich. So bleibt nichts anderes übrig, als den Vorgang abzubrechen, durchzustarten, (hoffentlich erfolgreich) wieder Höhe zu gewinnen und es später am selben Ort oder anderswo noch einmal zu probieren.

Durchstarten heißt, eine Alternativ- oder gar Notmaßnahme zu ergreifen, weil der geplante, sinnvolle und regelgerechte Ablauf der Dinge nicht möglich ist.

Wer das Durchstarten fordert, sagt damit eigentlich, dass offenbar unter seiner oder ihrer Lenkung ein falsches oder momentan nicht erreichbares Ziel auf möglicherweise ungeschickte und untaugliche Weise angesteuert worden ist, weshalb nun mit erhöhtem Energieaufwand eine andere Lösung gefunden werden muss.

Manchmal sind Redner und Grußwortschreiber absolut offen und ehrlich.

© Henrik Meetu